
«Heute muss es sein», sagt Mutter Fräserli energisch und legt den dicken Ordner auf den Tisch; Dutzende von ausgedruckten Internetseiten, die über alle möglichen Gemeinden Auskunft geben. «Seit Monaten blättern wir uns durch diesen Wust an Papier und noch immer wissen wir nicht, wo wir hinziehen wollen.» Ihre Stimme klingt verärgert und hilflos zugleich. Die eben noch entspannte Stimmung bei Familie Fräserli droht zu kippen.
Die Mutter weiss längst, was sie will: Weg von der Anonymität einer Vorstadtgemeinde ohne Vereinsleben, weg von einem Ort, wo man nur das Allernötigste einkaufen kann, weg von einer Gemeinde, die kein Gesicht hat, weil sie im Schatten einer grossen Stadt steht. Die jetzige Wohnung ist für die Eltern mit den beiden heranwachsenden Kindern eng, die Wohnlage mit dem ständig zunehmenden Verkehrsrauschen misslich, ganz zu schweigen vom Fluglärm, der je nach Wind schon manchen Abend auf dem Balkon akustisch begraben hat. Eigentlich weiss Mutter auch, wohin sie will.
Um die immer wieder aufgeschobene Wahl des neuen Wohnortes etwas zu beschleunigen, hat Frau Fräserli vor zwei Monaten im Tierheim einen Dalmatiner-Mischling gekauft. Ihre Rechnung ging auf: Nach zwei Wochen war der Hund der Liebling der Familie. Seither stimmen Vater, Mutter, Sohn und Tochter wenigstens in Einem überein: Unser Hund braucht Auslauf, wir ziehen an einen Ort, wo die Natur vor der Haustüre beginnt. «Aber nicht in ein Kaff», maulte der Sohn schon mal vorsorglich, «ohne Kino, ohne Disco, ohne Sportanlagen. Das wäre voll Scheisse.»
Sonntagsausflug in die Pampa
Herr Fräserli ist ein nüchterner Mensch, aber er hat eine Schwäche für gute Werbung. Seit er allenthalben im Grossraum Zürich und auch in Oerlikon, wohin er jeden Tag pendelt, die frechen Sprüche las, mit denen der Kanton Thurgau sich in Szene setzte, wollte er diese Gegend erkunden. Letzten Herbst verordnete er seiner Familie eine Velotour. Tochter und Sohn schauten sich an; beide dachten dasselbe: Gähn! der Sonntag ist im Eimer. Die Tochter wusste wenigstens, dass Arbon eine Thurgauer Stadt am Bodensee ist, weil sie dort auf der Schulreise vorbeigekommen war. Der Sohn brummte etwas von «Pampa», beugte sich über die Karte mit den Velorouten und fragte: «Welches ist denn die Hauptstadt?» «Ist beim Velofahren wohl egal, oder?», giftelte die Schwester. Der Ausflug war ein voller Erfolg. Für alle. Was selbst den Vater überraschte und die Kinder nie zugegeben hätten. Diesmal verkniff er sich seine stereotype Bemerkung: «Hab ich’s nicht gesagt, dass das ein schöner Sonntag wird?»
Seither surft Herr Fräserli regelmässig im Internet und schaut sich die Homepages von Thurgauer Gemeinden an, druckt stapelweise Seiten aus. «So ein Papierverschleiss», sagt seine Frau jedes Mal, wenn er ihr, statt sie in Ruhe «Tatort» oder «SF – bi de Lüüt» schauen zu lassen, wieder mit einem neuen Vorschlag vor den Augen rumwedelt. Vater lässt sich nicht beirren: «Die Homepage ist die Visitenkarte einer Gemeinde. Ist der Auftritt im Web professionell, arbeitet auch die Behörde effektiv und effizient.» «Dauernd diese Fremdwörter, das frittiert mich langsam!» motzt der knapp 15-jährige Sohn, aber bloss so laut, dass der Vater die schnoddrige Bemerkung nicht mitkriegt. Herr Fräserli hat mit seinem «Filius» ohnehin Mühe, der selbst zu Hause die Kapuze seines Pullovers hochgeschlagen hat und darunter auch noch ein Baseball-Cap trägt. Noch mehr ärgern ihn die viel zu weiten Hosen, die nur dank der männlichen Anatomie nicht bis auf die Schuhe hinunterrutschen.
Rote Stecknadeln
Wenn’s kritisch werden könnte wie an diesem Abend, schwört Vater Fräserli auf Tabellen, Konzepte und Kriterienkataloge. Das hat er bei seinen beruflichen Weiterbildungen gelernt. Auch die Schweizer Karte in der Küche, auf der mit roten Stecknadeln die möglichen Wohnorte – «unsere Hotspots» – bezeichnet sind, war seine Idee. Jetzt sitzt der Vater am Stubentisch, unterteilt ein Papier in zwei Kolonnen, um Plus- und Negativpunkte einer Wohngemeinde aufzuschreiben. Seine 12-jährige Tochter sagt halblaut: «Du mit deinen Listen!» Vater tut, als ob er die Bemerkung nicht gehört hätte. Mutter Fräserli, die Praktische, hat die rettende Idee: «Alle schreiben auf, was sie sich vom neuen Wohnort wünschen. Und dann vergleichen wir.» Vater willigt ein, nicht aus Überzeugung, sondern dem Familienfrieden zuliebe.
Verkehrsknotenpunkt
Da Vater Fräserli bis anhin schon zur Arbeit gependelt ist, muss der neue Wohnort lediglich gute öffentliche Verkehrsverbindungen haben. Bloss nicht zwei Mal täglich im Stau stehen. Er plant in mittlerer Zukunft ohnehin einen Stellenwechsel. Mit seinen guten Referenzen ist er zuversichtlich, dass er eine interessante Stelle im Dienstleistungssektor oder im logistischen Bereich finden wird. Auch darum will er verkehrsgünstig wohnen. Sonst sei er wunschlos, behauptet er. Der untrügliche Instinkt des Erziehers aber sagt ihm, dass er es sich wegen der Kinder nicht leisten kann, einfach nichts aufzuschreiben. Also notiert er: S-Bahn-Anschluss und/oder Schnellzugsstation; Autobahnanschluss in der Nähe; mittelgrosse, baulich attraktive Agglomeration, mit guter Infrastruktur, Sportanlagen für Winter und Sommer; gutes Wanderwegnetz in naturnaher Landschaft. Er lehnt sich äusserst zufrieden zurück.
Wunschlisten
Die Tochter kaut lange auf ihrem Bleistift herum, bevor sie mit ihrer Liste beginnt: Eishalle (für Eiskunstlauf), Pfadi, Reiten, Musikschule, zu Fuss zur Schule gehen können, Freibad (gross), trendige Kleiderläden!! Die zwei Ausrufezeichen hinter das letzten Stichwort hat sie bewusst gesetzt. Ihren Bruder, der den Hund krault, ödet dieses basisdemokratische Vorgehen an. Er reisst sich dennoch zusammen und schreibt: Eishalle (Hockeyclub), Disco, Kino (mehrere Säle), Billard-Zentrum, Berufsschulen oder Kantonsschule (am Ort oder gut erreichbar), coole Pubs.
Mit sanftem Druck zum Ziel
Kürzlich fuhr Mutter Fräserli allein in den Thurgau – zum Rekognoszieren. Als sie bei ihrer heimlichen Stippvisite am Bahnhof in Weinfelden ausstieg, entdeckte sie das Theaterhaus. Ein Jungmädchentraum stieg in ihr hoch: Vielleicht werde ich hier endlich mal auf einer Bühne stehen. Der Gedanke liess sie nicht mehr los. Für sie waren die Würfel gefallen, sie hatte ihren neuen Wohnort gefunden. Jetzt liegt es an ihr, dass sie Mann und Kinder mit sanftem Druck, aber ohne dass diese sich dessen bewusst werden, zum selben Schluss führt.
Alles und noch ein bisschen mehr
Frau Fräserlis Wunschliste ist fertig: aktives Vereinsleben; freundliche Menschen; historisch bedeutender Ortsteil; Abonnementskonzerte und -theater; überschaubare ländliche Gemeinde, aber dennoch mit breitem Angebot an Produkten, nicht nur für den täglichen Gebrauch; vieles in fussläufiger Distanz; gute Luft; Auslauf für den Hund. Sie hat ihr Blatt verdeckt auf den Tisch gelegt, summt vor sich hin, ein untrügliches Zeichen, dass sie mit sich und der Welt zufrieden ist. Halt, da kommt ihr noch ein Stichwort in den Sinn: Gastronomie. Sie lacht auf den Stockzähnen: So kann sich mein Mann nicht mehr herausreden, dass er für ein gutes Essen nicht ins Auto steigen will und dann keinen Tropfen Wein trinken kann.
Um den Entscheid etwas zu beschleunigen, meint sie wohlgelaunt: «Wir konzentrieren uns also auf den Mittelthurgau.» Noch deutlicher will sie nicht werden. Stattdessen entnimmt sie dem Ordner das Werbematerial von Weinfelden und legt es in die Tischmitte. Ihr hat mächtig Eindruck gemacht, dass vom Gemeindeschreiber schon am Tag nach ihrem Telefon an die Kanzlei ein dicker Briefumschlag ankam mit allem, was es zu Weinfelden zu sagen gibt. «Man könnte meinen, der Gemeindeschreiber heisse Fräserli, so schnell geht das.» Der Vater doppelt nach: «Und der Gemeindeammann von Weinfelden heisst Vögeli, der hat auch so ein ‹li› am Ende seines Namens wie wir. Der ist mir sympathisch.»
Da ist voll was los
Da reisst sich der junge Fräserli Kapuze und Cap herunter. Weinfelden, das ist doch der Ort mit den Hip-Hop-Veranstaltungen im Luna-Club, erinnert er sich. Cool. Das Openair findet zwar in Frauenfeld statt, denkt er; ist auch ok, sonst käme meine Mutter noch auf die Idee, dass ich zum Schlafen nach Hause kommen muss. Unüblich widerstandslos schwenkt er auf Mutters heimlich vorgespurte Wahl ein. Noch bevor Vater im Internet nachprüfen kann, ob auch für ihn der neue Wohnort eine gute Option ist, sitzt sein Sohn schon am PC und liest vor: «Weinfelden ist der grösste Eisenbahn-Verkehrsknotenpunkt des Kantons Thurgau.» Er surft weiter und ruft: «Wow, da hat es eine gedeckte Inline-Skating Rundbahn. Das ist ja voll krass. Weinfelden ist gar kein Kaff. Da ist voll was los. Im Frühjahr die Schlaraffia, im Herbst die Wega, im Dezember die Bochselnacht. Hej, da zügeln wir hin!»
Konzept und Idee: Joss & Partner Werbeagentur, Weinfelden
Text: Kathrin Zellweger, Weinfelden
© Politische Gemeinde Weinfelden